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interview TANGO DANZA magazin 01/07:

MICHAEL ZISMAN - experimentierfreudige musik als ausdruck von gefühlen
 
von frank lubnow
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der bandoneonist michael zisman darf in der riege der tangomusiker als ausnahme gelten: 1982 im schweizerischen bern geboren, hat er schon einen erstaunlich vielseitigen weg hinter sich. mehrere cd-produktion und eine rege konzerttätigkeit mit unterschiedlichen besetzungen zeugen ein weiteres mal für die attraktivität des sounds vom rio de la plata auch für die jüngste generation von musikern.
wie so oft, kommen die neigung und begabung dafür nicht von ungefähr... michaels vater daniel zisman, ein gebürtiger porteño, ist ein ausgezeichneter geiger, der sowohl in der klassischen musik als auch im tango auf eine lange und erfolgreiche karriere zurückblicken kann. vater und sohn haben im jahr 2005 gemeinsam eine cd (”tango2“) aufgenommen, 17 klassiker von ”recuerdo“ bis ”la danza del fueye“. weiterhin spielt michael in dem ”676 nuevotango-ensemble“ seines vaters und trat in diversen produktionen mit symphonieorchestern, teilweise unter der leitung von daniel zisman, als solist auf.
 
eine besondere begegnung verbindet ihn mit dem legendären leopoldo frederico. bei der gelegenheit eines konzerts des altmeisters in genf holte dieser den elfjährigen michael zur zugabe auf die bühne, ein standesgemäßes debut.
 
erste lehrer von michael zisman waren daniel binelli und der schweizer bandoneonist peter gneist. bei häufigen aufenthalten in buenos aires hatte er immer wieder unterricht bei nestor marconi; schließlich studierte er bei marconi in den jahren  1998 und 1999, kompositionstudien erfolgten  bei juan cirigliano.
anderen einflüssen öffnete sich der schweiz-argentinier an der swiss jazz school, verschiedene cd-produktionen sind zeugnis einer tango-jazz fusion.
seine jüngste produktion ‚don bandoneón’ ist 6 großmeistern des instruments von ernesto baffa bis julian plaza gewidmet. zisman hatte kontakt mit ihnen, die meisten hat er persönlich kennen gelernt. den widmungsträgern angemessen, bewegt sich die musik der cd, ausschließlich kompositionen von michael zisman, klar auf der spur des klassischen tangos bzw. des tango nuevo. letzteren hat sich michael zisman, ein großer bewunderer von astor piazzolla, neben dem jazz auf seine fahne geschrieben.
das nachfolgende interview wurde von frank lubnow per e-mail geführt.

michael, du bist in einem musikerhaushalt aufgewachsen. welche musik hast du als kind
zu hause gehört?
 
ich habe als kind zuhause von geburt an fast den ganzen tag musik
gehört. tango und jazz sowie klassische musik.
tango und jazz sind für mich, schon seit ich ein kleines kind war, immer
meine leidenschaft gewesen. musik zu hören musik zu spielen, musik zu
schreiben waren schon damals für mich ein großes bedürfnis.
 
was hat dich dann als kind zum bandoneon gebracht?
 
durch meine wurzeln (mein vater ist argentinier, tangomusiker) bin ich
stets in engen kontakt zu buenos aires und dessen kultur (u.a. dem
tango) aufgewachsen. das bandoneon, inbegriff des tangos, hat mich damals
fasziniert und mit 7-8 jahren kam ich zum ersten mal in direkten kontakt mit
einem bandoneon (mein vater hatte damals das tangoensemble tango7
gegründet) ich wusste sofort, dass dies das instrument ist, das ich spielen
wollte. in derselben nacht, in der ich mit 10 jahren mein erstes eigenes
instrument geschenkt bekommen habe, ist mein großes vorbild astor
piazzolla gestorben. das war für mich damals ein tiefer schlag und ein
starker eindruck, der meine hingabe zu diesem instrument und den wille,
bandoneonist zu werden nochmals sehr verstärkt hat.
 
 
wie ging es dann weiter, erzählst du etwas von deinen begegnungen mit leopoldo
frederico...
 
meinen allerersten unterricht hatte ich 1991 bei daniel binelli, dem
damaligen bandoneonisten von tango7, dem ensemble meines vaters.
leopoldo federico habe ich zum ersten mal 1993 in buenos aires
getroffen. ich war damals 11 jahre alt und spielte seit ca. 1 1/2 jahren
bandoneon. mein vater nahm mich mit zu leopoldo federico, um ihm
vorzuspielen. federico war damals für mich das größte noch lebende
idol (piazzolla war ja nicht mehr am leben), eine vaterfigur des tango
und des bandoneons. es war für mich ein unglaubliches erlebnis, ihm
vorspielen zu dürfen. im selben jahr hatte ich das glück, noch vielen
anderen grossen des tango, einigen von ihnen noch kurz vor ihrem tod,
vorspielen zu dürfen. (u.a. roberto goyeneche (gest. 1994), luis stazo,
josé libertella (gest. 2004), osvaldo pugliese (gest. 1995), osvaldo
ruggiero (gest. 1994), antonio agri (gest. 1998), fernando suarez paz,
ernesto baffa, nestor marconi, horacio malvicino, etc.
das lob und die guten ratschläge dieser großen meister, allen voran
leopoldo federico, dem ich seither bei jedem besuch in buenos aires
vorgespielt habe, war ist für mich von ungeheurem wert und hat mich
stets motiviert und vorangetrieben.
 
das wohl einschlägigste erlebnis war jedoch jenes im herbst 1993,
anlässlich eines konzertes von leopoldo frederico in genf. gemeinsam mit
don leopoldo und seinem ensemble (mit dabei u.a. auch tangogrößen wie
atilio stampone und josé votti) durfte ich "el choclo" als zugabe
spielen, und das war gleichzeitig mein debut auf der konzertanten bühne.
ein schlüsselmoment in meiner karriere. an diesem abend hat es für mich
so richtig angefangen, sicherlich auch dank diesem erlebnis bin ich
meinem instrument und meiner musik bis heute immer treu geblieben.
 
ab 1995 hast du dann unterricht bei nestor marconi in buenos aires erhalten.
wo setzte marconi in seinem unterricht die schwerpunkte – in interpretation,
technik (technische besonderheiten), mit welcher literaturauswahl hat er gearbeitet?
 
 
nestor marconi setzt seine schwerpunkte ganz klar auf die technische
seite des instrumentes, er ist heutzutage wohl der technisch
versierteste bandoneonist überhaupt.
zudem ist die interpretative seite des bandoneonspiels traditionsgemäß
mehr sache des werdenden bandoneonisten selbst. die eigene art zu
interpretieren, seine eigenen stil zu entwickeln ist die aufgabe, welcher
jeder bandoneonist hauptsächlich für sich selbst herausfinden muss. die
phrasierung, der klang, der attack, die dynamik macht jeder anders und
so hat der gute badoneonist am ende seine eigene, unverkennbare
identität.
die technischen besonderheiten von nestor marconi ist z.b. die
ausgeprägte verwendung des instrumentes im stoßen. 
im tango wird mehrheitlich im ziehen gespielt, da das instrument im
stoßen schwieriger zu spielen ist. kaum ein bandoneonist beherrscht das
instrument im stoßen wie er. des weiteren setz er großen wert auf ein
lockeres, unverkrampftes spiel mit wenig kraftaufwand, eine virtuose
schnelligkeit sowie die unabhängigkeit der rechten und linken hand.
alles eigenschaften, die marconi in erstaunlicher weise beherrscht.
 
die literatur in seinem unterricht beinhaltet viel klassische musik
(bach, chopin, etc.), welche nach meinung vieler die beste literatur für
die technik ist, sowie die virtuosen, eher modernen bandoneon-solo
arrangements von marconi selbst, welche als einige der schwierigsten
werke für bandoenon gelten.
 
hast du es als vorteil oder eher als last empfunden, sohn eines
bekannten musikers zu sein?
 
absolut als vorteil. als einen sehr wesentlichen, sogar.
mein vater, daniel zisman (violinsolist, dirigent und komponist) war auf
der musikalischen ebene, in sachen interpretation, kammermusik, etc.
einer meiner größten lehrer. durch ihn habe ich den geist des tangos,
und der musik allgemein überhaupt erst mitbekommen. durch mein
langjähriges zusammenspiel mit ihm habe ich unmengen gelernt, und dank
ihm war ich schon sehr früh stets im umfeld von erstklassigen musikern.
er hat mich stets gefördert und unterstützt, nie jedoch unter druck
gesetzt. ich wurde z.b. nie zum üben gezwungen, wie das sonst oft in
musikerfamilien der fall ist. vielmehr hat er mich stets dazu
aufgemuntert meinen eigenen weg zu gehen, meine eigene sache
durchzuziehen, meinen eigenen stil und identität zu kreieren und zu
festigen.
mit ihm gemeinsam habe ich in den letzten zehn jahren fast das gesamte
werk von astor piazzolla einstudiert und aufgeführt, inklusive allen
symphonischen werken, dem material für quintett, den kammermusikalischen
werken (mit streichquartett oder kammerorchester) aber auch viel
traditionelles tangomaterial in typischen tangoformationen (orquesta
tipica) sowie ein ausgedehntes repertoire (tango, tango nuevo, klassik)
im duo. das zusammenspiel mit ihm war und ist für mich immer noch und
immer wieder eine große herausforderung, eine große schule.
da wir nun seit mehr als 10 jahren gemeinsam auftreten, können wir im
spiel sehr gut aufeinander eingehen, verstehen einander sozusagen blind.
 
 
piazzollas musik ist weithin bekannt und gewürdigt, quer durch alle
musikstile hat er spuren hinterlassen. woher rührt deiner meinung nach
dieser ungeheure erfolg?
 
ich denke, astor piazzolla ist sicherlich einer der wichtigsten
komponisten des 20. jahrhunderts überhaupt.
er hat den tango revolutioniert, einen neuen stil kreiert, den er selbst
"grenzmusik" nannte. auf der grenze zwischen tango, jazz und klassik.
seine musik ist sehr charakteristisch, sehr eingängig und vor allem sehr
emotional und spricht die menschen an, berührt sie bis in ihr innerstes.
abgesehen davon hat piazzolla meiner meinung nicht nur ein genre
kreiert, sondern es auch vollendet. den jungen musikern der
post-piazzolleanischen generationen fällt es sehr schwer diese musik
weiter zu entwickeln. alles neue klingt entweder schnell nach piazzolla,
repetiert die alten klischees oder aber entfernt sich so weit vom tango
um noch als solcher erkannt zu werden.
 
was fesselt dich an seiner musik?
 
piazzollas musik hat mich schon als kleines kind fasziniert und begleitet. es
ist die musik die ich am meisten fühle, die mir am meisten entspricht.
die vielfältigkeit seines schaffens ist so groß, dass man immer wieder
neues entdeckt, immer von neuem überrascht wird. seine musik ist sehr
gefühlsstark, und das ist wohl das wichtigste für mich. musik ist für
mich in erster linie ausdruck von gefühlen, wie z.b. liebe, sehnsucht,
trauer, wut, etc. und seine musik ist voll von diesen emotionen.
 
was hat dich schließlich zum jazz gebracht?
 
jazz war wie gesagt schon als kind ebenfalls eine leidenschaft für mich.
irgendwann begann es mich dann zu reizen, den jazz und die improvisation
auf dem bandoneon zu probieren, da dieses instrument im jazz bisher
wenig bis nie verwendet wurde. experimentierfreudigkeit und pioniergeist
ist also gefragt und gerade das dies ist für mich wohl die große
herausforderung, welche mich antreibt, diesen weg, parallel oder gar in
verbindung mit dem tango zu gehen.
 
du sprachst vom geist des tangos, was ist für dich der geist des
tangos?
 
der geist des tangos ist eigentlich der geist der stadt buenos aires und
ihrer einwohner. der tango repräsentiert und beschreibt das lebensgefühl
dieser riesigen immigrantenstadt sehr stark und ist eine art identität,
welche in sich all die vielen facetten der einwohner mit ihrer
vielfältigen herkunft, ihrer sehnsucht zu einer einheit vereint.
 
der geist des tango ist der geist buenos aires'... was, glaubst du,
rührt die menschen in aller welt bei dieser musik, was steckt hinter den
schemata, dem vordergründig simplen?
 
der tango ist ein phänomen mit all seinen legenden und mythen, die
einerseits zwar hochstilisiert wurden zum teil aber auch ganz sicher
dazugehören. es ist nun mal eine musik, die in den slums, in bordellen
entstanden ist. daher die ganzen klischees von erotik und verruchtheit,
von messerstechern und etc, etc.
was aber noch wichtiger ist, und dort liegt vielleicht auch der
kernpunkt: der tango ist aus verschiedensten musikalischen einflüssen
aus europa, afrika, nordamerika entstanden, und daher hört ein jeder
irgendwo im tango etwas was ihm aus seiner eigenen musik vertraut
vorkommt.
zudem verkörpert der tango den schmerz des immigranten, der einerseits
seine ferne, alte heimat vermisst und sich andererseits nach einer neuen
heimat sehnt, ein gefühl welches sehr viele menschen in dieser welt
kennen. ich schweizerisch- argentinischer doppelbürger kenne dieses
gefühl sehr gut, da ich stets fern von einer meiner beiden "heimaten"
(buenos aires und bern) bin. der tango ist eine art, diese schwer zu
beschreibende sehnsucht auszudrücken, und ist auch eine art trost, da
man sich durch das hören und vor allem durch das spielen dieser musik
seiner fernen heimat immer jeweils etwas näher, etwas verbundener fühlt.
 
wo siehst du die zukunft des tangos, was hältst du von aktuellen
strömungen wie elektrotango?
 
die zukunft des tangos ist ungewiss. ich selbst bin auf der suche
danach, und kann daher nicht mit gewissheit antwort geben. sicherlich
ist es für die jungen tangomusikern nach wie vor sehr schwer sich vom
schatten der alten giganten wie piazzolla, pugliese, salgan, etc. zu
befreien, und neues zu kreieren. der elektrotango könnte man als einen
solchen versuch interpretieren.
ohne zu werten, denke ich jedoch, dass der elektrotango bisher weniger
eine künstlerisch- kulturelle weiterführung des tangos ist, als ein
kommerzielles phänomen.
es werden dafür mehrheitlich altbekannte tangoklischees in einen umfeld
moderner beats und sounds gebettet; bekannte elemente werden verbunden,
ohne eine tatsächliche neuerung dieser anzustreben. die mischung gelingt
meiner meinung nach nicht immer gleich gut.
erste gute ansätze sind sicherlich vorhanden, und sicherlich birgt die
fusion von elementen des tangos mit elementen moderner, populärer musik
ein großes potential, welches meiner meinung nach, aufgrund der dinge
die ich bisher gehört habe, jedoch noch lange nicht ausgeschöpft ist.
 
 
neben in letzter zeit häufigeren soloauftritten spielt michael zisman augenblicklich in folgenden formationen: dem duo zisman/fulgido (bandoneon/gitarre), dem michael zisman trio (bandoneon/gitarre/ bass) und dem 676 nuevotango ensemble. in diesen ensembles geht es vor allem tango und jazz mit vielen eigenkompositionen. klassisches tangorepertoire spielt er im duo tango2 mit daniel zisman. das bandoneon in rein jazz-orientierten ensembles spielt er in franco ambrosetti ”blue moods ensemble”, ”horn knox”  und peter frei's  ”three trios“.
 
seine konzertdaten findet man auf seiner homepage www.michaelzisman.com unter der rubrik ’tourdaten’.

--- frank lubnow, tango danza (germany)

 

original dieses interviews als pdf ansehen/ downloaden:

--- quelle & ©: magazin tangodanza, bielefeld, germany - www.tangodanza.de

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